Ha! Während es die meisten an Weihnachten wohl eher ruhig angehen ließen und sich die Bäuche vollschlugen, habe ich mich halb verdurstet durch Capital City gekämpft, um Euch diesen Bericht von Irem’s Disaster Report (aka Zettai Zetsumei Toshi aka SOS – The Final Escape) zu bringen! Wobei “kämpfen” durchaus wörtlich zu verstehen ist, denn im ersten Teil der Reihe wird, anders als im zweiten, auch scharf geschossen! Allerdings nicht vom, sondern ausschließlich AUF den Spieler. Doch alles der Reihe nach:


Die Handlung
In Disaster Report übernehmt Ihr die Rolle von Keith Helm, seines Zeichens Reporter und gerade auf dem Weg zu seinem neuen Arbeitgeber, der “Town Crier” Zeitung in Capital City auf der künstlichen Insel Stiver Island. Allerdings verläuft sein erster Arbeitstag ein wenig anders als geplant, denn während er im Zug vom Flughafen in die Stadt sitzt, wird Stiver Island von einem schweren Erdbeben erschüttert und für den guten Keith gehen erstmal die Lichter aus. Als sie wieder angehen, liegt der Zug auf der Seite und die Brücke (bzw. das, was davon noch übrig ist) gibt wenig vertrauenerweckende Geräusche von sich. Grund genug, sich schleunigst zu Fuß auf den Weg in Richtung Festland bzw. Hauptinsel zu machen …
So beginnt Euer Weg durch das ober- und unterirdische Katastrophengebiet von Capital City, in dessen Verlauf Ihr nicht nur auf der Hut sein müsst vor Nachbeben, einstürzenden Gebäuden, Explosionen, sich plötzlich vor oder unter Euch öffnenden Abgründen, steigenden Fluten und allen möglichen Dingen, die auf Euch drauf- bzw. unter Euch wegfallen wollen, sondern im weiteren Verlauf der Geschichte auch vor zwei schießwütigen Muskelmännern und ihrem (Mafia-)Boss, die ein recht deutliches Indiz dafür sind, dass beim Bau und beim – gerade um Euch herum stattfindenden – Abriss von Stiver Island wohl nicht alles mit rechten Dingen zuging. Für Keith also die Story seines Leben – vorausgesetzt, er lebt lange genug, um sie aufzuschreiben …


Das Spiel
Wie auch in Raw Danger seid Ihr auf Eurem Weg durch Capital City nicht lange allein unterwegs, sondern gabelt schon früh die Studentin Karen Morris auf, die ebenfalls mit dem Zug auf der Brücke unterwegs war, als das Erdbeben zuschlug – allerdings in entgegengesetzter Richtung. Nachdem Ihr sie aus ihrer ziemlich wackeligen Lage befreit habt, begleitet Sie Euch für den Rest des Spiels. Und das ist auch gut so, denn an diversen Stellen kommt Ihr nur mit Teamwork weiter.
Wie die Protagonisten in Raw Danger kann Keith gehen, rennen, springen, klettern, sich hinhocken und/oder festklammern und mit Rufen auf sich aufmerksam machen. Zusätzlich kann er auch noch schwimmen.
Auch sonst sind Spielablauf und Bedienung denen von Raw Danger sehr ähnlich. Während Ihr dort allerdings darauf achten musstet, Euren Körper warm und trocken zu halten, heißen Eure Gegner in Disaster Report Durst und Verletzungen. Gegen ersteren hilft Wasser, das Ihr aus Hähnen und öffentlichen Trinkbrunnen zapfen und in Plastikflaschen mitführen könnt. Gegen Verletzungen (z.B. durch Stürze oder herabfallende Trümmer) helfen Verbandskästen und -materialien, die Ihr ebenfalls unterwegs findet. Werden Euer Durst oder Eure Verletzungen schlimmer, so werdet Ihr erst langsamer und weniger ausdauernd und sterbt schließlich.
Wasserflaschen, Verbandskästen und andere Dinge, die Ihr unterwegs findet, können in verschieden großen Rucksäcken transportiert werden. Wobei es in Disaster Report NUR Rucksäcke als Tragegerät gibt (keine zusätzlichen Hüfttaschen o.Ä., wie in Raw Danger), so dass Eurer Sammelwut hier engere Grenzen gesetzt sind. Einzig Dokumente (Akten, Fotos, Karten usw.) sowie die für die Reihe typischen Kompasse könnt Ihr mitnehmen, so viele Ihr wollt, denn sie verbrauchen keinen Platz im Rucksack. Ebenfalls vorhanden ist die Funktionalität, Gegenstände zu kombinieren oder zu zerlegen, um so neue Hilfsmittel zu erhalten. Aber auch Batterien, Wasserfilter usw. werden auf diesem Weg gewechselt.
Freunde von Ken und Barbie kommen bei Disaster Report nicht so recht auf ihre Kosten, denn das Angebot an find- und wechselbarer Kleidung erschöpft sich in Handschuhen, Schienbeinschützern, einigen Sonnenbrillen und einer Handvoll Kopfbedeckungen mit unterschiedlicher Schutzwirkung. Auch Eure Begleiter(innen) könnt Ihr nicht ausstaffieren, wie in Raw Danger. Sie sind nur ab und zu für ein Schlückchen aus der Wasserflasche dankbar.
Apropos Begleiter(innen): Was Disaster Report ebenfalls abgeht, sind die verschiedenen Handlungsstränge von Raw Danger. Ihr spielt immer nur als Keith Helm und auch das nicht länger als vielleicht 7-8 Stunden (bei mir waren es ca. 8). Allerdings habt Ihr an einigen Stellen die Möglichkeit, einen anderen Begleiter und alternative Routen zum Ziel zu wählen. Um alles von der Stadt und vom Spiel zu sehen, muss man es also mehrmals durchspielen. Insgesamt ist aber auch Disaster Report ein eher kurzes Vergnügen, das selbst incl. aller Alternativrouten wohl kaum jemanden länger als 25-30 Stunden beschäftigen dürfte.


Womit wir bei den Schwachpunkten des Spiels wären: Was mich stellenweise ZIEMLICH genervt hat, ist die Steuerung! Man kann in Disaster Report die Kamera nicht separat kontrollieren, was einen immer wieder in gefährliche Situationen bringt. Es gibt lediglich die Möglichkeit, in eine Ego-Perspektive zu wechseln und sich dort umzusehen. Leider fehlt dazu aber gerade in Momenten, in denen man diesen Überblick braucht, oft die Zeit. Zumal man dabei auch noch stillstehen muss. Alternativ kann man permanent L2 gedrückt halten, um die Kamera automatisch in Blickrichtung auszurichten. Das funktioniert zwar auch im Laufen, führt aber öfters zu unerwünschten und unvorhergesehenen Kameraschwenks, durch die man leicht die Orientierung verliert. Auch nicht wirklich hilfreich, wenn man z.B. gerade herabstürzenden Gebäudeteilen ausweicht oder auf einem Stahlträger über einem netten Feuerchen balanciert.
Ebenfalls ziemlich nervig sind die Slowdowns, die immer wieder mal auftreten, meist ohne ersichtlichen Grund. Sie beeinträchtigen zwar nicht wirklich die Spielbarkeit, stören aber halt einfach den Gesamteindruck und den Spielfluß. Wobei die Grafik von Disaster Report insgesamt gar nicht mal schlecht ist. Besonders wenn man bedenkt, dass das Spiel immerhin schon 5 Jahre auf dem Buckel hat. Einige der Kulissen sind im Gegenteil sogar durchaus beeindruckend! Und speziell auf höher gelegenem Terrain fällt immer wieder auf, dass man erstaunlich weit sehen kann. Nur schade, dass man meist keine Zeit hat, die Aussicht länger zu genießen.
Ein ganz klarer Schwachpunkt ist dagegen der Ton: Die Soundeffekte sind überwiegend wenig beeindruckend und/oder furchteinflößend und Musik findet sich nur im Abspann. Voice Acting ist zwar vorhanden, allerdings sind die englischen Stimmen durch die Bank mies und amateurhaft. Dazu kommen einige lustige Probleme mit dem Timing der gesprochenen Passagen und die Tatsache, dass die Akteure offenbar rein telepathisch miteinander kommunizieren, d.h. ohne den Mund beim Sprechen zu bewegen.
Was mich jedoch bei Disaster Report (wie bei Raw Danger) am meisten irritiert hat, ist der krampfhafte Versuch, Handlung und Akteuere zu amerikanisieren. So wurde auch hier wieder fleißig Wasserstoffperoxid verspritzt und allem und jedem ein (mehr oder weniger dämlicher) neuer Name verpasst. Im Herzen sind die Bewohner von Capital City allerdings Japaner geblieben, denn sie gehen weiterhin auf japanische Klos, benutzen japanische Busse und für ihre Evakuierung mussten extra Helikopter der JASDF angemietet werden. Recht so! Zeigts ihnen!
Ich frag mich immer wieder, warum Publisher sowas eigentlich tun. Disaster Report ist einfach ein durch und durch japanisches Spiel. Das merkt man praktisch in jeder Szene, am Verhalten der Charaktere usw. Der Versuch, sowas zu “verwestlichen” kann doch nur scheitern – selbst wenn er wesentlich professioneller durchgeführt wird als hier. Also warum? Neue Kunden wird man damit wohl kaum anlocken, denn man muss IMO schon ein gewisses Faible für japanische Spiele haben, um sich überhaupt für Disaster Report & Co. zu interessieren. Der baller- und grafikvernarrte Mainstreamgamer wird sich auch MIT blondierten Mädels wohl kaum damit anfreunden können. Im Endeffekt ist das Ganze also reine Geld- und Zeitverschwendung und geht den wirklichen Fans (und Käufern!) solcher Spiele auf die Nerven!


Fazit
Prinzipiell gilt für Disaster Report das Gleiche, was ich seinerzeit auch schon über Raw Danger gesagt habe: Wer auf Grafik- oder Nonstop-Ballerorgien steht, der sollte lieber die Finger davon lassen. Wer aber bereit ist, sich auf das etwas ungewöhnliche (trotz fehlendem Geballere aber durchaus nicht actionarme!) Spielprinzip einzulassen und zu akzeptieren, dass Disaster Report bereits bei seinem Erscheinen vor 5 Jahren keine neuen technischen Standards gesetzt hat, der bekommt für wenig Geld ein äußerst kurzweiliges und spannendes Spiel, das man sicher auch später immer wieder mal aus dem Regal holen wird, um vielleicht noch ein paar versteckte Extras zu finden, einen alternativen Lösungsweg auszuprobieren oder einfach die eine oder andere Passage nochmal durchzuspielen. Spieler, die auf Rätseln und Erforschen stehen, werden hier bestens bedient und auch die Hintergrundgeschichte schafft es problemlos, einen bis zum Ende zu fesseln und bei der Stange zu halten.
Disaster Report ist dabei – trotz des harmloseren Namens – deutlich actionlastiger und verzeiht weniger Fehler als Raw Danger. So bin ich in meinen ca. 8 Stunden Spielzeit exakt 44mal gestorben. Reife Leistung! ^^; Eine gewisse Bereitschaft und Neigung, bestimmte Passagen oder Puzzles notfalls auch deutlich mehr als ein- oder zweimal in Angriff zu nehmen, sollte also vorhanden sein. Zum Glück gibt es unbegrenzte Continues, die einen auch nie sehr weit zurückwerfen. Der Nerv-Faktor der Sterberei hält sich also in Grenzen. Allerdings führt das Verwenden von Continues zu Abzügen bei der abschließenden Bewertung.
Die einzigen wirklichen Minuspunkte des Spiels, die auch nicht mit seinem Alter zu entschuldigen sind, sind IMO die etwas unglücklich gelöste Steuerung (der ich sicher ein gutes Drittel meiner Tode verdanke) und die grottige Lokalisierung.
Dem Charme und dem Spielwitz von Disaster Report tun beide aber zum Glück kaum Abbruch und so bleibt das Ganze ein unterhaltsamer und einfallsreicher “Mitmach-Katastrophenfilm”, der den Spieler von einer brenzligen Situation zur nächsten scheucht und ihn während der gesamten Spieldauer kaum mal zur Ruhe kommen lässt. Insofern kann man die kurze Spieldauer von 7-8 Stunden für einen Durchlauf bzw. 25-30 Stunden um alles zu sehen auch durchaus als Pluspunkt werten. Andernfalls würde vielleicht so mancher Spieler Herzprobleme bekommen oder irgendwann mumifiziert vor der Konsole gefunden werden. ^^ Der “Nur noch ein paar Minuten!” Faktor von Disaster Report ist jedenfalls extrem hoch!
Fazit des Fazits: Kaufen! Besonders zum aktuellen Preis von ein paar lumpigen Dollar bei eBay! Und vielleicht mitbeten, dass sich Irem des Themas nochmal auf der PS3 oder der Xbox 360 annimmt. Disaster Report oder Raw Danger mit aufgepeppter Grafik und Surround-Sound wäre zumindest für mich ein echter Grund, mir eine neue Konsole zuzulegen!


Schonmal ein Erdbeben erlebt?
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