Nachdem er drei Tage lang durch Del Rey gelatscht, gerannt, geklettert, gekrochen, gefahren, gepaddelt usw. ist, meldet sich Euer Katastrophentourist PJ mit einem exklusiven Survival Report zum PS2-Game Raw Danger zurück! Fazit: Die Stadt ist leider Geschichte, aber das Spiel ist so geil, dass ich mir auch gleich noch den Vorgänger (ebenfalls auf Englisch publiziert von Agetec unter dem Namen “Disaster Report”) bestellt habe! Doch der Reihe nach:

Die Handlung
Raw Danger aka Disaster Report 2 spielt in der fiktiven Stadt Del Rey und (anfangs) ihrem unterirdischen Teil Geo City in nicht all zu ferner Zukunft (im Jahr 2010). Die Stadt wird schon seit Tagen von Stürmen und sintflutartigen Regenfällen heimgesucht und so langsam wächst die Sorge um die Stabilität der die Stadt umgebenden Deiche und Berghänge.
Doch zunächst ist die Welt noch in Ordnung, denn es ist Weihnachten und Ihr müsst nicht raus, denn Ihr beginnt das Spiel als Joshua Harwell, der als Kellner auf dem großen Empfang anlässlich der Eröffnung von Geo City arbeitet. Der feuchtfröhliche Abend wird jedoch schon bald zu einer rein feuchten Angelegenheit, als sich in einigen Gängen merkwürdige Pfützen und Rinnsale zu bilden beginnen, die der Innenarchitekt dort bestimmt nicht vorgesehen hatte. Als dann auch noch Strom und Gas ausfallen und ein hässliches Rumpeln und Zittern das Gebäude erschüttert, wird klar, dass hier irgendwas gewaltig nicht stimmt. Beunruhigt ordnen die Verantwortlichen daher schließlich die Evakuierung an. Viel zu spät allerdings, wie sich schnell herausstellt, denn schon kurze Zeit später steht Euch das Wasser, im wahrsten Sinne des Wortes, bis zum Hals und Euer Kampf ums nackte Überleben beginnt …
So beginnt das erste Kapitel von Raw Danger, in dem Ihr Euch zuerst aus Geo City herausarbeiten und dann aus Del Rey selbst entkommen müsst, das sich im Verlaufe des Spiels immer mehr von einer pulsierenden Metropole in eine Wüste aus Trümmern, Wasser, Schlamm und schließlich Eis verwandelt.
Kapitel deshalb, weil Raw Danger in insgesamt fünf davon (plus ein zusätzliches Bonuskapitel, das man freispielen kann) unterteilt ist, in denen jeweils die Geschichte eines anderen Bewohners von Del Rey und seiner Flucht aus der Stadt erzählt wird. Dies ist einer der Faktoren, die das Spiel so unterhaltsam machen, denn die einzelnen Kapitel und ihre Protagonisten spielen sich recht unterschiedlich. Während die Geschichte von Joshua Harwell noch relativ gradlinig und ohne spezielle Komplikationen verläuft, spielt Ihr im zweiten Kapitel z.B. Amber Brazil, die des Mordes an ihrem Bruder verdächtigt wird und während eines Erdbebens aus dem Polizeigewahrsam entkommen kann. Daher müsst Ihr während dieses Kapitels ständig darauf achten, nicht von Uniformierten gesichtet zu werden oder es heißt “Game Over”. Zudem sind auch noch Eure Hände gefesselt, wodurch jeder Gleichgewichtsverlust leicht tödlich endet. Kapitel 3 wiederum handelt von Isaac Schiller, einem Taxifahrer. Folglich könnt Ihr hier auch Eure Fahrkünste unter Beweis stellen usw.
Zusätzlich fördert jedes Kapital auch noch Facetten einer Hintergrundgeschichte zutage, in deren Verlauf klar wird, dass Naturkatastrophen durchaus nicht das Einzige bzw. das Schlimmste sind, was die Bewohner von Del Rey bedroht …


Das Spiel
Raw Danger ist ein Survival-Actiongame, das mich stark an Resident Evil & Co. erinnert hat, jedoch mit dem Unterschied, dass man hier nicht ständig von Monstern attackiert wird, sondern stattdessen von plötzlich wegbrechenden Böden, heranrollenden Flutwellen, allen möglichen Dingen, die auf einen drauffallen wollen usw. Dann ist auch hier schnelles Denken und Reagieren gefragt, um diesen Gefahren zu entgehen. Nebenbei müssen noch diverse Puzzles gelöst und Gegenstände eingesammelt werden, die fürs Überleben oder zum Lösen der Puzzles notwendig sind. Man kann sich auch mit anderen Bewohnern von Del Rey unterhalten und so mehr oder weniger hilfreiche Informationen und kleine Sidequests erhalten, deren Lösung oft mit Bonus-Items belohnt wird.
Wie erwähnt, ist das Spiel in verschiedene Kapitel unterteilt, welche die Katastrophe aus unterschiedlichen Blickwinkeln zeigen und teilweise andere Anforderungen an den Spieler stellen. Dazu kommt, dass Ihr in der Regel nicht alleine unterwegs seid, sondern mit mindestens einer anderen Person verpaart werdet, die Euch aus unterschiedlichen Gründen auf Eurer Flucht begleitet. Ihr könnt diese Person zwar nicht direkt steuern, aber wie Ihr Euch ihr gegenüber (und den anderen Bewohnern, denen Ihr unterwegs begegnet) verhaltet, beeinflusst nicht nur den Verlauf und das Ende des jeweiligen Kapitels, sondern wirkt sich teilweise auch auf andere Teile der Story aus. So seht Ihr z.B. im ersten Kapitel, wie sich Amber Brazil aus Kapitel 2 hinter einem Auto versteckt. Verratet Ihr sie an den herbeieilenden Kommissar, so werdet Ihr auch selbst gefangenommen, wenn Ihr im nächsten Kapitel als Amber spielt.
Eine ständige Bedrohung auf Eurer Flucht stellen nicht nur der instabile Untergrund von Del Rey und die Gebäude darauf dar, sondern vor allem Wasser und Wind bzw. Kälte. Wasser einmal, weil man darin leicht ertrinken kann, aber auch weil Kälte und Feuchtigkeit an Eurer Lebensenergie zehren. Ihr müsst also ständig darauf achten, Eure Kleidung trocken und Euren Körper warm zu halten oder Ihr werdet erst langsam, dann bewusstlos und sterbt schließlich. Um diesem Schicksal zu entgehen, könnt Ihr unterwegs alle möglichen Kleidungsstücke und Nahrungsmittel sowie Utensilien wie die obligatorischen Verbandskästen, Wärmepflaster, Regenschirme und/oder Taschen und Rucksäcke zum Transport des ganzen Krempels aufsammeln und benutzen. Die Charaktermodelle Eures und des Euch begleitenden Charakters werden entsprechend der Kleidung und Ausrüstung, die Ihr gerade tragt, angepasst. Wenn Ihr unbedingt wollt, könnt Ihr also durchaus als schlappentragender Santa Claus mit gelbem Regenschirm, rosa Hasenohren und rotem Schultornister durch die Gegend laufen. ^^ Ganz und gar nicht lustig, sondern extrem wichtig sind dagegen die Heizöfen und Feuertonnen, auf die Ihr ab und zu stoßt und an denen Ihr Euch nicht nur aufwärmen, Eure Kleidung trocknen und warme Mahlzeiten zubereiten, sondern auch Euren Spielstand speichern könnt.
Gegenstände, die Ihr nicht oder nicht mehr benötigt, können in Müllcontainern oder bei dem umherstreifenden Jasper deponiert werden und stehen so auch anderen Charakteren zur Verfügung, wenn sie in ihrem Kapitel durch das gleiche Gebiet wandern.
Eure Spielcharaktere können gehen, laufen, klettern, kriechen, kleine Hindernisse überspringen, sich hinhocken, um von Erdbeben nicht umgeworfen und verletzt zu werden, sich an stabilen Gegenständen festklammern, um nicht fortgespült zu werden oder sich an Abhängen, Seilen o.Ä. entlanghangeln. Ab und zu stehen Euch auch diverse Fortbewegungsmittel wie Boote, ein Jetski oder (in Kapitel 3) ein Auto zur Verfügung und um andere Personen auf Euch aufmerksam zu machen, hilft bisweilen ein beherztes “Hey!”, auf Wunsch auch verstärkbar mit einem (zu findenden) Megaphon. Gesteuert wird Euer Charakter mit dem linken Analogstick, während der rechte die Kamera umherschwenkt.
Alle Charaktere verfügen darüber hinaus über die Fähigkeit, aus bestimmten gefundenen Gegenständen neue zusammenzubasteln, sowie über jeweils ein spezielles Talent. So kann z.B. Joshua Harwell seine Begleiterin umarmen, um sie aufzuwärmen (ein Talent, das oft missverstanden wird ^^), Amber kann Gegenstände von NPCs stehlen, Isaac Radio hören, um aktuelle Informationen zu bekommen usw.
Dazu sind die einzelnen Areale recht groß und bieten – zumindest zu Beginn des Spiels – ausreichend Spielraum zum Rumlaufen und Erforschen. Mit fortschreitender Spieldauer wird das Spiel allerdings zunehmend linear. Schade, aber auch irgendwo logisch und verständlich, bedenkt man die fortschreitende Zerstörung Del Reys, über die Ihr ständig durch Nachrichten und Karten auf dem Laufenden gehalten werdet.


Fazit
Raw Danger besticht durch einen gelungenen Genremix aus Survival-Action, Geschicklichkeit und Denksport sowie durch eine spannende Hintergrundgeschichte, die obendrein auf sehr ungewöhnliche Art häppchenweise erzählt und aufgedeckt wird. Eure Entscheidungen und Euer Umgang mit anderen Charakteren im Spiel beeinflussen dabei den Fortgang und das Ende der Geschichte. Zusätzlich könnt Ihr auch noch neue Spielmodi und verschiedene Bonus-Kostüme und -Items sowie sogar ein ganzes Bonuskapitel freispielen. Gründe zum mehrmaligen Durchspielen sind also reichlich vorhanden. Zudem ist die Atmosphäre in Raw Danger sehr dicht und gut gelungen IMO. Man erlebt hautnah und optisch teilweise sehr eindrucksvoll die fortschreitende Zerstörung der Stadt und muss praktisch immer auf neues Unheil gefasst sein. Langweilig ist mir im Verlauf des Spiels nie geworden. Die Puzzles sind durch die Bank logisch und gut nachvollzieh- bzw. lösbar. Bis auf zwei Situationen wusste ich eigentlich immer auf Anhieb, was zu tun ist und wo’s langgeht. Wirklicher Frust kam nie auf.
Doch wie alles im Leben hat auch Raw Danger seine Schattenseiten: Da ist einmal die doch recht kurze Spieldauer. Mein erster Komplettdurchlauf (auf Schwierigkeitsgrad “normal”) dauerte knappe 13 Stunden, allerdings hab ich auch nicht alles gefunden, was es zu finden gab. Aber ich schätze mal, auch wenn man sich noch etwas mehr Mühe gibt, werden kaum mehr als 15 Stunden Spielzeit drin sein, incl. des Bonusszenarios vielleicht maximal 17-18 Stunden.
Dazu kommt, dass, wie schon erwähnt, das Leveldesign mit fortschreitender Spieldauer immer linearer wird. Dies ist zwar einerseits logisch dadurch erklärbar, dass mit jeden vergehenden Tag immer weniger von Del Rey übrig ist, was sich zu erforschen lohnen würde, aber andererseits auch schade, da ich gerade diesen Part bei Spielen immer als sehr interessant und reizvoll empfinde. Gerüchteweise habe ich allerdings auch vernommen, dass es durchaus Leute geben soll, die es eher als Vorteil empfinden, weniger rumrennen zu müssen.
Grafisch hat das Spiel seine Höhen und Tiefen. Während speziell einige der Außenschauplätze sehr detailliert gestaltet sind und sehr gut aussehen, sind vor allem viele Innenräume leider recht trist. Auch die Spezialeffekte sind von stark schwankender Qualität und die Bewegungen der Charaktere wirken oft ziemlich hölzern. Grundsätzlich sieht das Spiel allerdings besser aus, als ich es aufgrund diverser anderer Testberichte erwartet hatte. Im Großen und Ganzen bewegt sich die Grafik in etwa auf dem Level von Grand Theft Auto III & Co.
Soundtechnisch ist, außer Umgebungsgeräuschen und dem ständigen Rauschen des Regens und des Windes, recht wenig geboten, was mich persönlich aber auch nicht gestört hat. Die Soundeffekte und wenigen Musikstücke, die einige Szenen dramatisch untermalen, sind gut (Effekte) bis durchschnittlich (Musik). Das Spiel verfügt über Voice Acting, die Qualität der Sprecher schwankt aber ähnlich stark wie die der Texturen, d.h. von durchaus professionell und überzeugend bis echt grottig. Allerdings mag ich das nicht dem Spiel an sich ankreiden, denn es ist eindeutig mal wieder ein Manko der US-Version. Ich hab auch mal in die japanische Version reingehört und dort ist das Voice Acting durch die Bank sehr gut und professionell.
Überhaupt verdankt das Spiel seine größten Minuspunkte der Lokalisierung und dem krampfhaften Versuch, es zu amerikanisieren. Resultate dieses genauso sinnfreien wie misslungenen Unterfangens sind u.a. Unmengen lächerlich blondierter Ganguros, idiotische Namen à la Jim Beam, Dr. Spritz und Aidan Chase, sowie einige grobe Übersetzungsschnitzer. So bittet Euch z.B. an einer Stelle ein NPC um eine Cardboard Box. Gemeint ist allerdings eine Cardboard WALL, die Ihr aus besagter Cardboard Box und Klebeband erst herstellen müsst. Gebt Ihr dem NPC dagegen die Cardboard Box, so entgehen Euch einige Tips und Items. Ärgerlich!


Sieht man über diese Minuspunkte hinweg (die zum Glück ja meist rein kosmetischer Natur sind), dann ist Raw Danger ein exzellentes und, was sein Szenario und seine Erzählstruktur angeht, IMO auch ziemlich einzigartiges Spiel, dessen größter Fehler darin liegt, dass es viel zu schnell vorbei ist. Speziell zu dem Preis, zu dem es zur Zeit z.B. bei eBay zu haben ist, kann ich es allen PS2-Besitzern, die Spaß an Action, Geschicklichkeit und schnellem Denken haben, nur wärmstens empfehlen! Zumal ja auch in der Realität bald Weihnachten ist und man nie weiß, was passieren wird … Hat es hier in letzter Zeit nicht auch ziemlich viel geregnet? Ein bisschen Überlebenstraining kann da vielleicht nicht schaden …
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